Proteste gegen Rheinmetall im Wedding
„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“
– Antonio Gramsci 1930
Erstmals seit 1945 sollen in Berlin wieder Waffen produziert werden. Der Autozulieferer Pierburg GmbH, seit 1986 Tochterunternehmen des Rüstungskonzerns Rheinmetall, soll ab dem Sommer 2026 in der Scheringstraße in Berlin-Wedding Komponenten der Artilleriemunition für ein Rheinmetall-Werk in Niedersachsen herstellen – „um die Arbeitsplätze zu sichern“. Bereits im Juli 2025 wurde der Standort zu „Rheinmetall Waffe Munition GmbH“ umbenannt.
„Die Umstellung unseres Werks auf die Produktion von Rüstungsgütern ist ein in die Zukunft gerichtetes positives Zeichen. Die Transformation läuft bei uns anders als gedacht, ist aber alternativlos“, sagte Bernd Benninghaus, Betriebsratsvorsitzender der Fabrik, in einem von der IG-Metall Berlin veröffentlichten Interview.1
Seit 30 Jahren rüstet Deutschland auf und versucht, auch die Bevölkerung von der Notwendigkeit hierzu zu überzeugen. Nun scheint die Zeit gekommen zu sein: Der Stolz und die größte Branche der Nation, die Autoindustrie, hat den Anschluss bei Elektrofahrzeugen verpasst und wurde von chinesischen Herstellern auf dem Weltmarkt überholt. Auf die jetzige Krise des Kapitalismus und die Stagnation der deutschen Wirtschaft antwortet die Bundesregierung mit dem Aufbau der Kriegsindustrie und will die Bundeswehr mithilfe der Milliarden Sondervermögen zur größten Armee Europas hebeln.
„Es hebt die Stimmung enorm, dass Rheinmetall mas-siv in die Infrastruktur investiert. […] Mit dem neuen Ma-schinenpark kommen auch Investitionen in den Standort und das ist für die Zukunft extrem wichtig. Das spüren die Kolleginnen und Kollegen,“ erzählt auch der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Martin Wolfgang Hoffmann in demselben Interview. Die beiden räumen aber ein, dass nicht alle Mitarbeitenden zufrieden mit der Ent-wicklung sind.
Gegen die Aufrüstung
Das „Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion“ sieht Aufrüstung nicht als alternativlos. Kriegswirtschaft ist weder ökonomisch nachhaltig noch moralisch vertretbar. Im April 2025, gleich nach der Bekanntgabe des Umbaus, haben sich etwa 30 verschiedene linke Organisationen, Parteien, Gewerkschafter:innen sowie Einzelpersonen zu einem neuen Bündnis zusammengetan, um gegen die neue Militarisierung anhand dieses Beispiels aus der unmittelbaren Nachbarschaft zu kämpfen. Bereits am 10. Mai hat das Bündnis die erste Demonstration mit ca. 1.500 Teilnehmenden organisiert, die unter anderem an dem Werk vorbeilief, um zeitnah ein klares Zeichen zu setzen. Eine weitere folgte am 12. Oktober durch den Stadtteil mit etwa 3.000 Demonstrierenden, um die Nach-barschaft auf das Thema aufmerksam zu machen.
Das Bündnis hält Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie nicht für zukunftsweisend, ganz im Gegenteil – setzt diese
„Arbeitsplatzsicherheit“ doch einen ständigen Kriegs- und Konfliktzustand voraus. Wenn nun, wie angekündigt, in Berlin Wirtschaftsförderung in den Aufbau eines „Defense-Technology-Ökosystems“2 reingepumpt wird, fehlt diese in anderen, tatsächlich zukunftsweisenden Berei-chen, in denen neue Arbeitsplätze entstehen könnten. Auch die Arbeitsplätze im Wedding könnten durch Inves-titionen in klima- und sozialverträgliche Produktion gesichert werden.
Der Wedding ist historisch ein Stadtteil der ökono-misch benachteiligten Arbeiter:innenschaft, die – wie ganz Berlin – unter den explodierenden Mieten, erhöhten Lebenshaltungskosten und Unterfinanzierung der öffent-lichen Infrastruktur sowie der sozialen Bereiche leidet.
Geld ist in dieser Gesellschaft aber da – reichlich. Mit dem Slogan „Geld für den Kiez statt Waffen für den Krieg“ stellt das Bündnis einen deutlichen Zusammenhang zwischen den massiven Kürzungen der schwarz-roten Koalition in den Bereichen Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur, Mobilität und Klimawandel einerseits und der „Whatever it takes“-Rüstungsobsession andererseits her.
Auch die Arbeiter:innen des Pierburg-Werks hatten die innovative Idee gehabt, dort Wärmepumpen – gegen die Klimakrise – zu produzieren. Aber im Kapitalismus wer-den die Mitarbeiter:innen nicht danach gefragt, was pro-duziert wird. Die Konzernführung setzt lieber auf Kriegsindustrie. Ein Finanzbericht des Unternehmens zitiert den Vorstandsvorsitzenden Armin Papperger: „Rheinmetall ist erfolgreich auf seinem Weg, ein globaler Rüstungschampion zu werden. Mittlerweile sind wir auch für US-Unternehmen ein ernstzunehmender Partner. Unsere Auftragsbücher sind voll und werden sich in Zukunft weiter füllen.“3
Die enormen Investitionen in die Rüstungsindustrie und die lukrativen Angebote für junge Menschen, sich
„freiwillig“ für den Wehrdienst bereit zu erklären, können auf den ersten Blick alternativlos erscheinen. Die Ge-schichte hat aber gezeigt, dass mehr Aufrüstung und Sol-dat:innen nicht zu Frieden durch Abschreckung führen, sondern zu mehr Unsicherheit, Überwachung und Unter-drückung – sowie letztendlich zu Krieg und Sterben. Je mehr aufgerüstet wird, desto mehr steigt der Druck, von diesen Waffen Gebrauch zu machen. Daher müssen wir jetzt gemeinsam und entschlossen gegen diese Entwick-lung kämpfen.
Die Zeit ist jetzt!
Die Zivilgesellschaft muss sich stärker zusammentun für eine große und schlagkräftige Antikriegsbewegung: für Investitionen für die Menschen statt Profite für wenige im zunehmend eskalierenden Kampf der imperialistischen Kräfte. Dazu möchte das Bündnis sowohl die Nachbar-schaft im Wedding als auch die Arbeiter:innen des Werks mitnehmen und mit ihnen zusammenarbeiten, um ge-meinsam Alternativen gegen Aufrüstung und Kriegstüch-tigkeit zu finden.
Neben Demonstrationen organisiert das Bündnis an je-dem ersten Samstag im Monat ein „Nachbarschaftscafé gegen Krieg“, um Räume für weitere Organisierung der Nachbar:innen zu schaffen. Die enorme Militarisierung samt Einführung der Wehrpflicht, die mit massiven Kür-zungen in allen anderen Bereichen einhergeht, betrifft uns alle auf unterschiedliche Art. Es ist wichtig, allen zuzuhö-ren und alle mitzunehmen. Auch in dem Bündnis lernen alle mit- und voneinander, auch generationenübergrei-fend: Es werden sowohl Transparente und Stelltafeln als auch Social-Media-Posts produziert. Die Breite des Bündnisses spiegelt sich in den Aktionsformen wider: von Infoständen, Demos, Flashmobs bis hin zu Haustür-gesprächen in der Nachbarschaft.
Das Bündnis versteht sich jedoch nicht als eine Kiezin-itiative gegen eine einzelne Fabrik, sondern als Teil einer neuen antimilitaristischen Bewegung, die internationalis-tisch, generationen- und themenübergreifend ist. Im Bündnis gelingt der Schulterschluss zwischen Teilen der traditionellen Friedensbewegung und jungen sowie mi-
grantischen Menschen, die sich aus verschiedenen Kämp-fen zusammengetan haben. Da in unserem kapitalisti-schen System Rheinmetall und andere Rüstungskonzerne mit Kriegen und Genoziden Milliardenumsätze erzielen, gehören die verschiedenen internationalen Kämpfe zu-sammen. Palästina-Solidarität, Antifaschismus und Pro-test gegen die Kürzungen waren von Anfang an ebenso feste Bestandteile des Themenrepertoires des Bündnisses wie der Kampf gegen die Wehrpflicht und den neu einge-führten „Veteranentag“ der Bundeswehr.
Die Lage ist ernst und die Zeit für einen breiten Wider-stand ist jetzt: Vom 10. bis 12. Juli ruft das Bündnis bun-desweit zu Aktionstagen gegen Rheinmetall im Wedding auf. An dem Freitag wird im Humboldthain ein Zirkuszelt Anlauf- und Ausgangspunkt für verschiedene Aktionen, Austausch und Programm sein. Für Samstag, 11. Juli, wird bundesweit zu einer Großdemonstration durch den Kiez mobilisiert.
Wir alle müssen einander unter die Arme greifen und nicht nur ein Werk, sondern das ganze System bekämp-fen, das verschiedene Monster hervorbringt.
keinewaffenproduktionberlin.noblogs.org www.instagram.com/berliner.buendnis.gegen.waffen
Anmerkungen
1 Fünf Minuten für die Berliner Industrie, Aus Pierburg GmbH wird die Rheinmetall Waffen Munitions GmbH, IG-Metall Berlin, 6.6.2025.
2 Kai Wegner und Franziska Giffey, Pressemitteilung der Stadt Berlin am 2.12.2025.
3 Halbjahresfinanzbericht, Rheinmetall.com.
Aus: IMI-Ausdruck 125, Juni 2026, www.imi-online.de
